das Gärtnern lernen

Ich arbeite im pädagogischen Bereich und ich bin nicht im Frieden damit, wie dort gedacht wird. Also damit, welche Vorstellung viele Erwachsene, die dort die so genannte Bildungsarbeit machen, von ihrer Arbeit haben.

Ich habe das Empfinden,
für viele gilt immer noch, den jungen Menschen so zu formen,
dass er ihren Vorstellungen eines „guten“ Menschen entspricht.

Dieses Konzept hat in meinen Augen mehrere Denkfehler, die ich Anhang näher erkläre, hier finde ich würde es den Rahmen sprengen. Ich weiß nur, so funktioniert es nicht…

Ich als Bildner bin mir bewusst, dass jeder Mensch seine eigene Wahrheit hat und ich deshalb nicht wissen kann, was für andere „gut“ ist und wie sie zu sein haben.

In meiner Vorstellung sollten wir ihnen Raum schaffen,
selbst herauszufinden, was das „Richtige“ ist!

Für mich in meiner Bildungsarbeit ist die Vorstellung,
ich bin ein Gärtner,
der durch seinen Garten geht
und nach seinen Pflanzen guckt, irgendwie stimmiger:

Ein Gärtner hat keine Erwartungen, wie und wann eine Pflanze zu wachsen hat. Er hat gesät und nun hofft er, dass alles so läuft, wie er es sich vorstellt.

Gut, das ist in der Arbeit mit Menschen ähnlich…
Jedoch, was ist, wenn es nicht so läuft, wie man es sich vorgestellt hat? Da beginnt für mich der große Unterschied:

Der Gärtner nimmt es hin, dass es eben ist, wie es ist!

Ich meine, hast du schon mal einen Gärtner gesehen, der seine Pflanzen anbrüllt, sie sollen gefälligst anders wachsen?
Oder mit ihnen diskutiert, weil er den Ast da nicht haben will?
Oder ihnen droht, sie kriegen heute kein Wasser, wenn sie jetzt nicht gefälligst aufblühen?

Nö, wäre auch ziemlich schräg…

Warum tun wir dergleichen bei Kindern und Jugendlichen?
So viel anders als eine Blume sind die doch auch nicht… Sie sind im Wachstum und werden mit jedem Tag mehr und mehr erblühen.
Und in ihrer Einzigartigkeit und Schönheit die Welt schöner machen, andere Wesen nähren, vielleicht sogar andere stützen, und uns schöne Dinge und Nahrung schenken….

Wenn ich mir in meiner täglichen Arbeit vorstelle, ich bin ein Gärtner,
dann hilft mir das, sinnvoll pädagogisch zu arbeiten:

Ich lasse zu, dass jedes Kind, jeder Jugendliche, so wächst, wie es in seiner Natur liegt. Ich weiß doch gar nicht, ob derjenige ein Gänseblümchen oder eine Rose werden will?

Wenn sie aus dem Beet wachsen oder wenn sie andere am Wachstum hindern, beschneide ich sie vorsichtig, vielleicht pflanze ich sie um oder so,
aber ich brülle sie nicht, setze sie nicht unter Druck oder behaupt, es sei ein Fehler, so zu sein, wie sie sind.
Ich weiß doch gar nicht, mit was für einer Pflanze ich es gerade zu tun habe….Warum soll ich verlangen, sie sollen gelb blühen, wenn sie doch rote Tulpen sind!

Und so kann ich ebenso wenig zu keinem Kind, zu keinem Jugendlichen sagen, was er werden soll…Und ich frag auch nicht dauernd, was er denn werden will…

Ich weiß, wenn ich ihm Raum und Zeit zum Wachsen lasse,
wird er eines Tages genau das werden, was er ist!

Das ist bei Pflanzen ja auch so, sie müssen nicht wissen, dass sie eine Gänseblümchen sind, sie werden einfach eines!

Wenn die Pflanzen von Blattläusen befallen sind oder so, dann suche ich nach Mitteln, die helfen und pflege und wasche sie,

und wenn sie durstig sind, kriegen sie Wasser,

und ich schaue, welcher Dünger welcher Pflanze wohl tut,

und ob der Boden so gut ist,

oder ob Unkraut ihnen Raum nimmt,

und vor allen Dingen,

lass ich jeder Pflanze

ihre Zeit.

Das Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht!

Nehmen wir z.B. die Gärtner, die Bambus gepflanzt haben, die setzen den Samen und dann kann es bis zu vier Jahren!!! dauern, bis sich eine Pflanze entwickelt.
Der Gärtner gießt und hegt die Erde weiter, und er weiß, irgendwann geschieht es und der Bambus wächst… Und er wird so wachsen, wie es für ihn richtig ist!
Der Gärtner kann nichts weiter tun, er setzt den Samen und dann wartet er einfach ab, bis es soweit ist,
und er vertraut darauf, dass jeder Samen wachsen will!
Kein Kind wird tun, was ich will, nur weil ich das so will!

Aber jedes Kind, jeder Mensch
will wachsen, will blühen,
will mit anderen im Garten stehen.

Ich muss ihm nur Raum und Zeit dafür lassen!

Und letztendlich lässt sich diese Idee des Gärtners auf den ganzen Pilgerweg durchs Leben übertragen:

Jeder Mensch,
jede Situation, die mir begegnet:

Ich als Gärtner, als Gestalter meiner Welt,
habe es in der Hand,
mir diese Pflanze genau anzusehen,
sie zu bestaunen,
ihre Schönheit zu erkennen
und sie so sein zu lassen, wie sie ist.

Ich meine, wenn sich Pflanzen begegnen, verlangt ja auch die Ringelblume nicht von der Glockenblume, jetzt gefälligst so zu sein, wie sie ist.

Nein, sie nimmt sie, wie sie ist.
Und wenn sie nervt, ja, dann wächst sie einfach in die andere Richtung.

Und wenn meine Gegenüber irgendwie struppig und durstig aussieht, ja, dann kann ich ihm doch Wasser geben, oder Brennnesseljauche anbieten… 😉

Alles, was ich tue,
jeder Moment meines Lebens,
jede Tat,
ist
wie das Setzen eines Samens.

Ich tue es und dann,
dann kommt das Schwerste am Job des Gärtners:

Ich muss warten,
warten darauf,
dass mein Same keimt und wächst und Früchte trägt!
Das kann ich nicht abkürzen oder beschleunigen,
ich kann nichts mehr tun,
alles wird,
auch ohne mich…

Ich habe es nicht mehr in der Hand, was aus meinem Samen wächst.
Ja, klar, ich kann Möhren säen, wenn ich Möhren haben möchte, und sie pflegen,
dennoch, wie und wann und ob überhaupt,
der Same jedoch entscheidet, was er daraus macht!

So sind die Haupthandwerkszeuge eines Gärtners
Geduld und Vertrauen,

Geduld, dass alles seine Zeit hat und das alles wachsen will,
und Vertrauen, dass sich alles zum Besten entwickeln wird!

Für mich ist der Umgang mit anderen Wesen und all mein Tun
das Tun eines Gärtners,
und ich lerne jeden Tag mehr und mehr über das Gärtnern,

und die Welt ist so für mich ein wunderschöner Garten voller wundervoller Pflanzen,
bunt, einzigartig und vollkommen,

ein Paradies,
ein wunderschöner Ort!

Komm, lass uns säen,
warten und vertrauen,
wachsen und blühn,
und so die Welt noch schöner machen,

unterschrift

Caleya-pellegrina

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.

Einige Punkte, an denen ich eine andere Vorstellung von Bildung habe:

1. Jeder von uns hat seine ganz eigene Vorstellung, wie man ein „guter“ Mensch ist, und überhaupt, was soll das ein, ein „guter“ Mensch?
Der eine findet es wichtig, dass man höflich ist, dem anderen ist es wichtig, dass man rücksichtsvoll ist, dem Dritten wieder ist gezeigte Leistung wichtig… Das heißt für Kinder und Jugendliche in unserem Bildungssystem vor allem eines: Anpassung an die jeweilige Vorstellung desjenigen, der gerade bildet, bzw. unterrichtet.
Und dabei heraus kommen dann Menschen ohne eigene Meinung, da sie nie gesagt bekommen haben, sie haben recht, nein, das Recht war immer auf der Seite des Lehrers, Erziehers.
Verunsichert sind sie und auch nicht besonders interessiert an einer Gesellschaft, die sich ehrlich gesagt ja auch nicht für sie interessiert hat…
Oder wie oft fragen Lehrer, Erzieher wirklich, was die Kinder und Jugendlichen bewegt und interessiert?

2. Es wird so genannter Stoff vermittelt.
Ja, ich finde es wichtig und richtig, zu erklären, wie die Welt funktioniert, dennoch sehe ich, dass die Kinder und Jugendlichen ganz von sich aus neugierig sind auf alles… Neugier ist die Grundlage allen Lernens, und wenn ich erzähle, was ich für wichtig halte, muss das nicht unbedingt das sein, was die Kinder und Jugendlichen interessiert.
Für mich wäre es sinnvoller, Neugier zu wecken und Denken zu lernen… So wie die Sehnsucht nach dem Meer zu wecken, statt Boote bauen…Das ist unbequem für die Lehrer und Erzieher, denn selbstständig denkende Kinder und Jugendliche hinterfragen alle, ganz besonders dich…

3. Weil jeder eine Vorstellung hat, findet er vieles falsch, was der Wahrheit anderer entspricht. Das wird dann als Fehler gesehen und Fehler sind negativ. Tatsächlich ist Fehler machen aber der Weg des Lernens, ausprobieren, lernen, ausprobieren, lernen… so funktioniert das…Wenn der „Bildner“ eine Vorstellung im Kopf hat, wie der andere zu sein hat, definiert er damit Fehler, die keine sind, und er nimmt den Mut, weitere Fehler, also Lernerfahrungen, zu machen, erwartet aber eine Lernleistung…

Nein, so kann das nicht funktionieren…

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